Eine Nachlese

SPANNUNGEN 2015: Ein außergewöhnlich gelungenes Kammermusikfest

Vorspann mit 30 Musikern

Wie im vergangenen Jahr dirigierte Lars Vogt am Sonnabend im Vorspann wieder das Kölner Kammerorchester. Auf dem Programm: Mozart. Die Sinfonien Nr. 25 und 38 und das Klavierkonzert Nr. 20. „Vogts Hingabe und Begeisterung rissen nicht nur das Orchester mit, sondern machten auch vor dem Publikum nicht halt. Ein berauschender Konzertabend“, lobte der Kölner Stadtanzeiger.

Auch der zweite Vorspann am Sonntag war außergewöhnlich: Sechs Pianisten, die Werke von Scriabin, Schubert und Chopin spielten. Damit eröffnete die 22-jährige Tschechin Ráchel Skleni

ková den Abend. Die Stipendiatin des Festivals, obwohl blind seit Geburt, beeindruckte „mal virtuos, mal mit markantem Spiel, wie es schon für Sehende schwer zu erarbeiten ist“. So zitierte der Kölner Stadtanzeiger das Lob des Pianisten Lars Vogt. Den Abend beendete die englische Pianistin Imogen Cooper, die erstmals bei SPANNUNGEN auftrat. Mit ihrem außergewöhnlich intensiven Spiel der Schubertsonate D 959 zeigte sie, dass sie zu den ganz großen Interpreten von Schubert gehört. Zu den Dürener Nachrichten sagte Imogen Cooper: „Ich hatte seit längerem eine Einladung zum Festival. Lars Vogt und ich schätzen uns sehr ohne uns je begegnet zu sein. Nun hat es geklappt und ich bin begeistert zu erleben, wie hier ohne Starallüren hinreißend musiziert wird.“

Das Festival-Thema: Reverenzen

Nur scheinbar sperrig vom Namen her, aber gar nicht so schwer zu verstehen: Denn Komponisten haben immer schon ihren Vorbildern und verehrten Vorfahren der Satzkunst „Reverenzen“ erwiesen, also musikalische Verbeugungen. Ob nun als direktes musikalisches Zitat, oder etwa in der Form einer Fuge von Bach. Der Komponist erweist mit seinen klanglichen Bezügen Kennerschaft und Verehrung gegenüber den Großen vor ihm. Bei der Vielfalt von 47 aufgeführten Werken gab es genügend Reverenzen zu entdecken. Der diesjährige „Composer in Residence“ Olli Mustonen gestand ganz offen: „In meinen Werken ist es für mich immer wieder Beethoven, dem ich meine Reverenz erweise.“ Dem Thema „Reverenzen“ widmete sich der Musikjournalist Norbert Ely in seinem Vortrag wie immer humorvoll und kenntnisreich.

Starke Stücke

Schon das zeitmächtige Klavierquintett op. 34 von Brahms am Eröffnungs-Montag bezeichnete der Kritiker Pedro Obiera in der Aachener Zeitung „als Höhepunkt des Abends“. Nach den Ovationen ein begeisterter Zuhörer: „Was für ein Kracher“.

„Walgesänge im Wasserkraftwerk“ titelten die Dürener Nachrichten über das Werk des amerikanischen Zeitgenossen George Crumb. Drei Musiker hinter schwarzen Gesichtsmasken. Flöte, Cello und Klavier imitierten den Gesang der Wale und der Konzertsaal war dabei in das blaue Licht der Ozeane getaucht. Es entstanden extrem stimmungsvolle, aber auch heitere Klänge.

George Crumb:

In Erinnerung bleibt gewiss eine Komposition, die vor neun Jahren bei SPANNUNGEN ihre Uraufführung hatte: Brett Deans „Recollections“ für Klarinette, Horn, Schlagzeug, Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass. Nur zu bewältigen mit Dirigent. Eine Freude, diesem unglaublich feinsinnigen, teils melodiösem Werk wieder zu begegnen. Die Kölnische Rundschau schrieb 2006 über den australischen Komponisten: „Hier vertont der Komponist verschiedene Aspekte der Erinnerung.“

Eine wuchtige Neu-Komposition und neue Gesichter

Erstmals bei SPANNUNGEN zu erleben war der Pianist, Komponist und Dirigent Olli Mustonen. Der Finne Mustonen (am Klavier ein Erlebnis) war „Composer in Residence“ und hatte ein mit Spannung erwartetes Quintett für Klavier, zwei Violinen, Viola und Violoncello im Gepäck. Das Werk erklang bei der Uraufführung - mit dem Komponisten am Klavier - leidenschaftlich wie der ganze Mensch Mustonen. Entsprechend hieß ein Satz auch: „Drammatico e passionato“. Es war ein Kraftakt für fünf gestandene männliche Musiker:
Riesen-Applaus. 
Auch zwei weitere Mustonen-Werke nötigten den Interpreten mutiges Musizieren ab und wurden stürmisch aufgenommen. 
Ihr Debut beim Festival gaben die Pianistinnen Imogen Cooper, Dina Ugorskaja und Ráchel Skleniková, die Cellisten Maximilian Hornung und Frans Helmerson, Sole Mustonen, Oboe, Anna Reszniak, Violine, Pauline Sachse, Bratsche, Jonathan Hadas, Klarinette und der amerikanische Kontrabassist Charles DeRamus.

Dina Ugorskaja, gebürtige Russin mit Wohnsitz in München freute sich in Heimbach besonders über den Austausch mit Künstlerkollegen: „Mit Olli Mustonen habe ich beim Frühstück lange über die Möglichkeiten der Interpretation von Scriabin gesprochen, meiner klingt natürlich etwas anders.“

Das Kinderkonzert als Türöffner für klassische Musik

Fast 600 Schulkinder aus der Region lauschten am Donnerstagvormittag im Kraftwerk den Klängen von Schülern und Profis. Die scheidende Musiklehrerin aus Heimbach, Paula Schipperges, erzählte stolz: „Meine Schüler der Klasse 4b waren im letzten Jahr von Schuberts Stück „Die Forelle“ so beeindruckt, dass sie es in diesem Jahr unbedingt beim Kinderkonzert selbst spielen wollten.“ Und so taten sie es, mit Glockenspiel, Klavier und viel Gesang. „Musik ist gut für die Konzentrationsfähigkeit“, zitiert die Dürener Zeitung eine andere Lehrerin. Die gespannte Aufmerksamkeit der Schüler während des Konzerts bestätigte diese These. Die Profi-Musiker zeigten sich als ideale Vermittler ihres Instrumentes: Lars Vogt am Klavier und der amerikanische Kontrabassist Charles DeRamus zeichneten musikalisch die Figur „Der Elefant“ aus dem „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saens.

Möhren-Musik und junges Gemüse

Im Rahmen der von Lars Vogt gegründeten Initiative „Rhapsody in School“ besuchten fünf Künstler Schulen in der Umgebung, um Musik in die Klassen zu tragen.

In Heimbach: Die Klarinettistin Sharon Kam verglich den Aufbau ihrer Klarinette mit einer ausgehöhlten Möhre. Schritt für Schritt verwandelte die temperamentvolle Künstlerin die Möhre mit einem (Klarinetten)-Mundstück und einem aufgesteckten Trichter in ein Instrument: Die „Möhrinette“. Ein essbares Instrument, mit dem man brauchbare Töne erzeugen kann. Am Ende dieser inspirierenden Unterrichtsstunde in einer Grundschulschulklasse durfte jedes Kind der richtigen Klarinette einen Ton entlocken, was nicht kinderleicht war.

In Jülich: „Mit klassischer Musik haben die meisten Schüler des Jülicher Berufskollegs dagegen wenig oder gar keine Berührungspunkte gehabt“, weiß die Onlinezeitung Eifelon. Eine Herausforderung für die Geigerin Antje Weithaas, auf die sie sich mit gemischten Gefühlen einließ, wie sie vorab gestand. Umso größer die Erleichterung, als sie beobachten konnte „mit welchem Interesse ihr Spiel des temporeichen Werkes von Eugène Ysaye ankam und somit viele Fragen an die Musikerin auslöste“, stellte die Jülicher Zeitung anerkennend fest. Persönliche Fragen zum Instrument und zu ihrem Leben als Solistin mit 70 bis 80 Solokonzerten pro Jahr beantwortete Antje Weithaas ganz und gar nicht eitel und verabschiedete sich mit „etwas Ruhigerem von Bach“.

Erfolg mit Musikhäppchen: Zugaben/Encores

Ein ganzes Konzert nur mit Zugaben: Diese Encores sind zum festen Bestanteil des Festivals geworden. Nach dem regulären Konzert am Freitag füllte sich die Kraftwerkshalle um 22:30 Uhr erneut zum Nachtkonzert. Zum Teil kam dasselbe Publikum, aber nicht nur. Neue und jüngere Zuhörer lauschten den kurzen Stücken bis kurz vor Mitternacht. Der gebürtige Norweger Dag Jensen, Fagott, entschied sich mit drei Kollegen (Klarinette, Horn und Oboe) für einen Satz aus Astor Piazollas „Histoire du Tango“. Der Dürener Zeitung verriet er: „Für mich zählt die Freude und Spannung in den vorbereitenden Proben und die Freunde, die ich dabei treffe.“ Die Geigerin und Bratschistin Yura Lee hatte sich ein Stück aus Ungarn ausgesucht. „In Heimbach zu musizieren ist wie Arbeit, die sich wie Urlaub anfühlt“, so die US-Amerikanerin. Ihr halsbrecherisch gespielter Tanz auf der Bratsche voll von „Ausgelassenheit und Erotik brachte das Instrument an die Grenze der Belastbarkeit“, staunte die Dürener Zeitung. Yura Lee und auch die anderen Festivalkünstler rissen das Publikum von den Stühlen.

Die Ehrenamtlichen bei SPANNUNGEN, was machen die eigentlich?

„Wir Organisatoren sind nicht die Musik. Wir spielen keinen einzigen Ton. Wir haben eine dienende Funktion. Das wertet uns nicht ab, weil wir trotzdem wichtig sind: Es ist unsere Aufgabe, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Musiker sich wohlfühlen“, beantwortet Wilfried Nachtigall, der Älteste unter den Ehrenamtlichen mit inzwischen 83 Jahren, die Frage. Mit Beginn des Festivals im Jahr 1998 hatte der Ex-Musik- und Englischlehrer die Künstlerbetreuung übernommen. Und die hochkomplexe Zusammenstellung der Probenpläne für die Musiker lag ihm auch aus den Zeiten als stellvertretender Schuldirektor, der Stundenpläne gestaltete. Sein Nachfolger, Wolfhard Horn, auch Ex-Schuldirektor macht die Pläne mittlerweile in Excel-Tabellen und besorgt die Partituren für die Künstler: In diesem Jahr von 47 Kompositionen. Schon bevor das Festival beginnt, hat er gut 200 Arbeitsstunden investiert, erläuterte der bescheidene 70-Jährige den Dürener Nachrichten. Ihn beeindruckt die Leidenschaft der Musiker: „ Die Künstler proben so lange, bis alle von der Qualität ihrer Arbeit überzeugt sind und da kann es auch sehr spät werden.“ Extrem zurückhaltend mit der Verkündung seiner Leistungen ist auch Heinz Hassels. Der Mittfünfziger leitet im Hauptberuf die Intensivstation eines Dürener Krankenhauses. Aber das Festival beschäftigt ihn fast ganzjährig. So organisiert er die schwierige Verteilung der hochbegehrten Eintrittskarten, verwandelt die Kraftwerkhalle Anfang Juni mit über 500 Stühlen in einen Konzertsaal und koordiniert die Arbeit eines 5-köpfigen Fahrerteams, „damit alle Musiker immer rechtzeitig am richtigen Ort sind“. Keiner der zahlreichen anderen Ehrenamtlichen spricht groß davon, worum er sich sonst noch kümmert, sondern tut es. Aber die Musiker sagen anerkennend, was die tun, tun sie mindestens so professionell wie Berufsmanager.

Zu guter Letzt

Im Jahr 2015 ist SPANNUNGEN mit 18 Jahren „volljährig“ geworden. Aber das Festival bot von Anfang an schon Kammermusik auf höchstem Niveau, weil es Festivalgründer Lars Vogt immer gelungen ist, die Besten ihres Instrumentes nach Heimbach zu holen. Wie sagte einer der treuesten Besucher einige Zeit nach Ende der Festivalwoche: „Irgendwie lassen die SPANNUNGEN noch nicht nach, aber das ist gut so.“ Noch besser ist zu wissen, dass der Hauptsponsor, der Energiekonzern RWE, seine Partnerschaft mit SPANNUNGEN bis 2019 garantiert und auch der Deutschlandfunk ein treuer Medienbegleiter bleibt. Das Festival findet 2016 erstmals später statt: Vom 20. bis 26. Juni 2016. Und es ist gut zu wissen, was der Geiger, Bratschist und Dirigent Florian Donderer über SPANNUNGEN sagt: „Das Festival in Heimbach ist auch für ausgefallenere Kammermusik bekannt, Stücke die man anderswo kaum zu hören bekommt. Das liegt an der Vielfalt der hier versammelten Instrumentalisten. Nicht nur für uns Musiker ist das ein Gewinn, sondern auch das Publikum erlebt so seltene musikalische Perlen.“

© Ulrich von Saurma

 

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