Festival-Nachlese 2014

Umhüllt von Licht und Nebel am Wasserkraftwerk von Heimbach

Immer wenn im Juni die Turmbläser von der Zinne des Wasserkraftwerks in Heimbach erklingen, dann ist Festivalzeit. Vor dem Kraftwerk versammeln sich Kammermusikfreunde aller Generationen fröhlich plaudernd in froher Erwartung auf das Abendprogramm. Der Jugendstilbau wird zum Konzertsaal, Spannungen ganz anderer Art entstehen. Das RWE-Wasserkraftwerk in Heimbach ist das Markenzeichen für das Festival SPANNUNGEN. Die „Süddeutsche Zeitung“ nennt es eine „Kathedrale von Strom und Musik“. Als das aufwendig gestaltete Jugendstilbauwerk 1905 erstmals Strom lieferte, wurde es zum Symbol des  Fortschritts in Technik und Wissenschaft. Jene Zeit lieferte den Schwerpunkt für die Musikauswahl in diesem Jahr.

Musikschwerpunkt „um 1900“

„Diese Phase um 1900 mit ihrem Aufbruch in die Moderne in Kunst und Musik haben wir ebenso zum Musikthema des Jahres 2014 gemacht wie der jähe Absturz in die Schrecken des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren“, erläuterte Festivalgründer Lars Vogt der „Dürener Zeitung“. „Wenn ich an die gelungenen und anrührenden Aufführungen der Juniwoche denke, dann hat sich dieser Musikschwerpunkt zum absoluten Glücksfall entwickelt“, freut sich der Künstlerbetreuer des Festivals, Wilfried Nachtigall. Der Kritiker Pedro Obiera bemerkte in der „Aachener Zeitung“: „Gerade in der dichten Folge von gegensätzlichen Werken wie einer Fassung für Klavier zu vier Händen von Stravinskys brutalem Ballett „Le Sacre du Printemps“ und Zemlinskis zwischen Spätromantik und Moderne changierenden 2. Streichquartett, schlägt sich die schillernde Vielfalt der damaligen künstlerischen Umwälzungen nieder“. Ein Werk ragte in seiner Besetzung heraus: Die vierte Sinfonie von Gustav Mahler in der Kammermusikfassung von Erwin Stein für 12 Instrumente und Sopran. „Die Aufführung hinterlässt tiefen Eindruck, weil unbedingte Konzentration herrscht und eine Klangsensibilität im Zusammenspiel“, staunte Harald Eggebrecht in der „Süddeutschen Zeitung“ angesichts der kurzen Probenzeit.

 Spannung, wohin man hört

Absolut bemerkenswerte Aufführungen sind bei SPANNUNGEN die Regel seit es das Festival gibt und so erklärt sich auch die nicht nachlassende Attraktivität beim Publikum. Dieses Musizieren auf höchstem Niveau geht nur „weil wir hier nur gute Musiker versammeln und weil jeder äußerst konzentriert auf den Anderen hört und die Spielfreude auch dann nicht verloren geht, wenn wir alle erschöpft und müde sind“, erklärt der Geiger Christian Tetzlaff. Artur Pizarro, der Pianist, der mit Lars Vogt 1990 den Klavierwettbewerb in Leeds gewann, war das erste Mal in Heimbach. Der 46-jährige Pianist aus Portugal nennt dieses Festival „pure Spannung, vor allem für die Geschwindigkeit wie hier Musikstücke eingeübt werden, das hohe Niveau des Musizierens und der Kontakt zwischen Bühne und Publikum“. Er ist begeistert von der Intensität neuer Freundschaften, die er hier knüpfte.

Selten gespielte Werke

Kammermusik in Heimbach, das bedeutet schon immer auch ausgefallene Stücke und seltene Instrumente zu hören, in diesem Jahr zum Beispiel ein ungarisches Cimbalom. Der ungarische  Zeitgenosse Peter Eötvös kombiniert  Flöte, Violoncello und Cimbalom. Der vielseitige Schlagzeuger und Cimbalist Hans-Kristian Kjos Sörensen konnte mit einem weiteren Schlaginstrument aufwarten: einem Marimbaphon: „Ein ganz exotischer Leckerbissen war das filigrane Divertimento für Marimbaphon und Altsaxophon des Japaners Akira Yuyama“, lobte der Kritiker der „Dürener Nachrichten“, Pedro Obiera. Mit ihrem Saxophon erstmals bei Spannungen, verzauberte die 24-jährige Asya Fateyeva mit ihrem weichen Ton Kritiker, Künstlerkollegen und Kinder gleichermaßen.

Composer in Residence Tatjana Komarova

Es gehört zum schönen Brauch bei Spannungen ein neues Werk erstmals aufzuführen. Tatjana Komarova als „Composer in Residence“ ist eine angesehene Komponistin mit russischen Wurzeln, in Berlin beheimatet und dem Festival seit Anfang verbunden. Immer der Freitag der SPANNUNGEN-Woche ist Tag der Uraufführung. „Der Titel: „Umhüllt von Licht und Nebel“ ist eine Liebeserklärung an die Landschaft des Rursees in der Nachbarschaft des Kraftwerkes“, so empfand es Pedro Obiera. „Eine Art Impression, die durchaus aus romantischer Tradition erwachsen ist und dennoch nicht anachronistisch wirkt. Erst recht nicht in der kompetenten wie authentischen Interpretation von Antje Weithaas und Lars Vogt“. Die Komponistin hatte ein Bild im Kopf, als sie ihr Werk schrieb: „Licht und Nebel stehen auch für die Gefühle, wenn der Künstler aus der großen Helligkeit der Bühne, umhüllt vom Applaus, wieder in das Dunkel der Einsamkeit zurückkehrt“, sagt Tatjana Komarova.

Nachwuchsmusiker

Als das Festival vor 16 Jahren begann, waren der Pianist und Gründer Lars Vogt und die meisten seiner damals nur 10 Kollegen selbst noch junge, aber schon sehr erfolgreiche Musiker. Mittlerweile bringen Lars Vogt und der Geiger Christian Tetzlaff herausragende Jungmusiker als Studenten und Stipendiaten des Festivals ins Künstlerteam ein, denn bei SPANNNGEN mitzuspielen gilt als großer Talentbeweis. Von inzwischen fast 40 Künstlern beim Festival sind ein Drittel Nachwuchsmusiker.

Türöffner für Klassik: Rhapsody in School

Gerade die jungen, oft nicht viel älter als 20 Jahre alten Künstler, erwiesen sich als Türöffner zur klassischen Musik bei Kindern und Jugendlichen. Junge und ältere Musiker des Festivals spielten wie jedes Jahr in einer Heimbacher Grundschule und bei dem großen Vormittagskonzert vor 550 Schülern – alles im Sinn der von Lars Vogts gegründeten Initiative „Rhapsody in School“. Erstmals beim Festival dabei waren sechs Schüler als „Rhapsody Reporters“. Mit großer Neugierde befragten sie Künstler und verfolgten die Proben und Konzerte. Die jungen Gymnasiasten aus Düren haben inzwischen unter Anleitung der Kulturjournalistin Julia Kaiser ihren „Rhapsody Report“ über das Festival vorgelegt. Ein sehr gut gemachtes Heft voller neugieriger Interviews mit Künstlern und unverkrampften Einsichten über die Klassische Musik. Lesenswert auch für Erwachsene. (Als Download verfügbar.)

Encore… Surprise… Zugabe…

Erstmals in der Festivalgeschichte bot das Spätkonzert am Freitagabend jene klingenden Kostbarkeiten, mit denen sich Künstler bei ihren Zuhörern bedanken. Was die Musiker zu später Stunde zu Gehör brachten, erzeugte in seiner Vielfalt einen durchschlagenden Erfolg. Als Auftakt eine humorvolle Performance des vielseitigen Schlagzeugers aus Norwegen, Hans-Kristian Kjos Sörensen, zusammen mit einem Bühnentechniker, der einen großen Gong trug. Danach durfte sich jeder Musiker rund sechs Minuten präsentieren: Zunächst kurz sein Stück ansagen, dann spielen, sich einmal verbeugen und sofort abgehen und schon war der nächste Künstler auf der Bühne. Das Ende vom Lied: Zumindest im kommenden Jahr könnte es wieder „Encores“ geben.

Feiern und entspannen

Wie schon immer klingt die große Anspannung der Künstler nach dem Abendkonzert erst allmählich bei dem späten Abendessen ab. Fast immer dabei: Lars Vogt, künstlerischer Leiter und Pianist, die Geiger Isabelle Faust, Antje Weithaas und Christian Tetzlaff, die Cellisten Tanja Tetzlaff und Gustav Rivinius, Tatjana Masurenko, Viola und die Klarinettistin Sharon Kam. Sie sind wie Fixsterne des Festivals. Zu ihnen gesellen sich weitere renommierte Künstler und vielversprechende musikalische Talente. Eine riesige Tafelrunde tritt zusammen mit allen Generationen der Künstlerfamilien vom Kleinkind bis zu den Großeltern, dazwischen die ehrenamtlichen Organisatoren vom Kunstförderverein Kreis Düren, die Sponsoren, die fleißigen Helfer und die nahen Freunde des Festivals. Die WM in Brasilien zur späten Stunde zu verfolgen, war willkommene Gelegenheit zur Entladung der Gefühle. Und wenn ein seriöser Künstler auf allen Vieren krabbelnd mit Kindern auf dem Rücken angetroffen wird, dann ist die Entspannung gelungen.

Zu guter Letzt

Das 17. Jahr von SPANNUNGEN mit dem Schwerpunkt „um 1900“ passte in diesem Jahr ganz besonders in das Jugendstilkraftwerk, einem Bauwerk aus genau jener Epoche. Und weil die nahe Zukunft des seit Beginn so erfolgreichen Festivals gesichert scheint, kann man sich auf die Volljährigkeit von SPANNUNGEN schon jetzt freuen. Zwischenzeitlich können über das Jahr 2014 alle Konzerte im Deutschlandfunk (Medienpartner des Festivals) nachgehört werden, Highlights gibt es jeweils auf CDs im darauffolgenden Jahr.